Saatgut - oder: wer die Saat hat, hat das Sagen

Keimling

Im ersten Artikel dieser Reihe möchte ich ganz am Anfang loslegen: beim Samenkorn.

Jeder kennt die schönen Tütchen, die man im Gartenfachhandel oder auch im Baumarkt oder Supermarkt kaufen kann.
Gurken, Karotten, Paprika, Zucchini, Tomaten - alles, was das Gärtnerherz begehrt.
Meist steht irgendwo in einer Ecke „F1“.

Sie gedeihen auch gut, die Samen. Bringen schöne Erträge und der Gärtner freut sich zur Erntezeit. Manchmal merkt er aber auch: so wie früher aus Omas Garten schmeckt das irgendwie nicht. Also nimmt er sich vor, im nächsten Jahr den besonderen Dünger zu kaufen, der Geruch und Geschmack verbessern soll.
Aber wie zum Henker hat Oma das früher ohne Dünger hinbekommen?! Und warum hatte sie ihre Tomaten einfach draußen in einer sonnigen Ecke stehen statt sie mit Plastikplane vor Regen schützen zu müssen? Warum hatte sie jedes Jahr Petersilie im Garten und musste nicht ständig nachkaufen?

Der Schlüssel heißt: Züchtung.

Die heutigen Samen sind normalerweise Hybridsamen. Dafür steht das „F1“ auf den Tütchen.
Hybridsamen entstehen kurz zusammengefasst dadurch, dass man 2 Sorten, die vorher durch mehrere Generationen Inzucht gelaufen sind und somit reinerbig (und immer kleiner) wurden, miteinander kreuzt.
Diese neue Generation ist die „Folgegeneration 1“ - F1 eben.
Dabei tritt der Heterosiseffekt ein, der sich durch einen viel höheren Ertrag als bei der Elterngeneration auszeichnet.
Außerdem haben diese Hybriden äußerst praktische Eigenschaften: Alle Pflanzen sind gleich, gleiche Größe, gleiche Form der Früchte, gleiche Reifezeit, gleicher Ertrag usw.

Das ist natürlich super für die Industrie.
Der Erwerbsgärtner freut sich, der Landwirt und auch der Handel - schließlich kann man so die Herstellung der Früchte super planen, Monokulturen sind kein Problem und der Supermarkt weiß auch, was er zu erwarten hat.

Ein paar Nachteile hat das Ganze schon, die werden aber gerne in Kauf genommen:

 

  • die Pflanzen sind meist empfindlicher gegen Umwelteinflüsse. Deshalb muss man auch bei den meisten mittlerweile normalen Tomatensorten für Schutz vor Regen sorgen - die Pflanzen können sich einfach selbst nicht mehr helfen. Diese Eigenschaft ist leider beim Züchten hinten runter gefallen.
  • die Samen der Pflanzen sind nicht sinnvoll nutzbar. Es wachsen daraus keine stabilen Sorten mehr, nur noch ein meist recht kümmerlicher Abklatsch der Großelterngeneration mit erheblichen Ertrags- und Qualitätseinbußen. Das bedeutet, dass man jedes Jahr neues Saatgut kaufen muss, um die selbe Qualität an Früchten zu haben.

 

Punkt 2 mag für die Saatguthersteller toll sein, für den Endnutzer ist er eher unschön - schließlich lebte das Gärtnern jahrhundertelang von natürlichen Folgegenerationen, die sich immer besser an unsere Bedingungen anpassen konnten.
Jeder hatte seine eigenen Samen, jeder konnte seinen Garten damit bestellen und sich damit ernähren.

Man konnte tauschen und somit seine Sorten noch verbessern und neue kennen lernen.       

                     
Diese Sortenvielfalt und gesunde Sicherheit wird mit Hybridsaatgut beschnitten: jeder soll bitteschön jedes Jahr einheitliches Saatgut kaufen und am besten noch passende „Mittelchen“ dazu.
Somit schmeckt der Kohlrabi aus Tante Gudrun´s Garten genauso wie der aus Müller´s nebenan und ebenso wie der aus dem Supermarkt-Regal. Alle (ja, alle - oder woher beziehen die Landwirte, die uns ernähren, das Saatgut für ihre Pflanzen…?) sind abhängig vom Saatgut des nächsten Jahres und keiner kommt aus diesem Rad heraus, da keiner mehr eigenes Saatgut hat.

Oder: Wer die Saat hat, hat das Sagen.


Und nun?


Noch steht dem gegenüber steht das samenfeste Saatgut.


Samenfest bedeutet, dass die Samen der Pflanzen wieder ausgesät werden können und daraus ebenso gute Pflanzen wachsen.
Diese sind zwar meist etwas kleiner als die F1-Brüder, haben dafür allerdings auch sehr oft viel mehr Aroma.
Ganz zu schweigen von der Unkompliziertheit.
Um bei den erwähnten Tomaten zu bleiben: historische (und somit samenfeste) Tomaten können ohne großartigen Schutz von oben im Garten stehen. Einfach so, in der Sonne - so, wie es sein sollte.

Noch gibt es diese Sorten zu kaufen, obwohl es immer weniger werden.

Ziel sollte es sein, diese Sorten und uns somit ein großes Stück Unabhängigkeit zu erhalten - deshalb habe ich auch nur samenfeste Sorten in meiner Gärtnerei.

Beim Tomatenbeispiel sieht man auch gut, wie weit wir schon von der Natur entfernt sind:
Wir nehmen einfach hin, dass Tomaten eben so ein Dach brauchen.

Wir denken aber nicht darüber nach, ob Tomaten in der Natur auch mit obligatorischem Plastikdach aufwachsen… spätestens hier müsste es dann „Klick“ machen und wir müssten nachdenken, warum diese seltsamen Tomaten so etwas brauchen.
Und wie gesund die Früchte dieser offensichtlich nicht besonders abwehrstarken Pflanzen für uns am Ende dann noch sein können.

Zum Abschluss möchte ich euch noch einen Film ans Herz legen, der das Thema gut beleuchtet. Ich bekomme kein Geld für diese Empfehlung, sie entspringt einfach nur meiner eigenen Meinung:

Ich freue mich, wenn du beim nächsten Artikel wieder dabei bist :)

Quelle Bilder: Pixabay